Gedenken in unserer Gesellschaft?

Sunday 15th of May 2005
Hans Feddersen

Die Wahrheit kennen wir nicht. Wer kennt die Wahrheit? Da wurden wir in letzter Zeit wiederholt Augenzeugen von Fernseh- und Radioprogrammen, die sich in der Bericht-erstattung über Deutsch-lands „Befreiung" , über Holocaust und Hitler förmlich überschlugen. Tag für Tag wurden neue Dokumentationen und Serien präsentiert. Das Erinnern wurde und leicht gemacht. Dabei ging in Namibia fast der Cassinga-Tag unter... und auch er wäre es wert gewesen, daß man sich Fragen stellt.

Aber was bewirkt der mediale Dauer-Geschichtsunterricht in den Köpfen der Menschen? Offenbar recht wenig.

Denn laut Umfragen konnten nur 35 Prozent der Deutschen den 8. Mai spontan als Kriegsende identifizieren.. Und jeder Zweite unter 24 Jahren meinte, der Begriff „Holocaust" sei ein bedeutungsloses Fremdwort.

Das ist peinlich.

Die Geschichtslosigkeit der jüngeren Generation ist ein authentisches Spiegelbild unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der uns Hitler zwar nicht mehr interessieren mag, die jedoch träge und desorientiert ist.

Eine behütete Gesellschaft, in der der schnöde Mammon und das reine Vergnügen anscheinend wichtiger sind als die Moral.

Gut, so viel Wohlstand, Frieden, Stabilität und Demokratie hat es zu keiner Zeit auf deutschem Boden gegeben. Aber dieser Wohlstand kann täuschen!

Denn neben den geschichtslosen, deshalb „gefährdeten" Bundesbürgern gibt es noch eine andere Gruppe: die Fernseh-Konsumenten, die sich von Geistesfeindlichkeit fesseln lassen.

Da schlugen sich in der „Burg" promi-nente „Busenwunder" die Silikon-kissen kaputt, da urinierten verwahr-loste Existenzen wie Frederic Prinz von Anhalt vor laufender Kamera in Badewannen.

Wo bleibt die Qualität eines Volkes der Dichter und Denker, wenn man diese Abarten im „Big Brother" ebenso findet wie in der „Alm", von Nachmittags-Talkshows ganz zu schweigen...

So viel Trostlosigkeit war selten. Da wird das Intellektuelle lächerlich gemacht und das Banale glorifiziert.

Nun mögen Sie, lieber Leser, sagen: Aber ein paar schlechte Witze machen doch noch keinen Neo-Nazi.

Aber es geht um das einfache Weltbild, das solche Programme predi-gen. Denn die Umfragen ergeben klar und deutlich: Je ungebildeter und unpolitischer die Menschen sind, desto kritischer sehen sie die Demokratie, weil sie deren scheinbar komplizierten Mechanis-men und das Maß an Toleranz nicht verstehen.

Wie kommt es denn, daß die Menschheit entpolitisiert wird? Umerziehung? Political Correct-ness? Kritikloses übernehmen von Inhaltsleere und Perspektivlosigkeit?

Vermutlich alles zusammen. Wer will denn noch politische Zusammen-hänge begreifen, wenn er für seine Meinung sofort verurteilt wird?

Paul Nolte stellte fest: „Überspitzt gesagt tauchen Politiker dort fast nur noch als Menschen auf, die sich die Taschen vollstopfen und die Bürger übers Ohr hauen".

Mit „Prügel und Staatsanwalt" zu drohen, statt den Jugendlichen im fundierten Gespräch den Flachsinn richtig zu erklären, bringt nichts. Dann darf man sich nicht wun-dern,wenn die Jugend nach Alter-nativen zu dieser „verdächtigen" Demokratie sucht. Sie werden offen für die Heilsversprechen „brauner Propaganda".

So viel Drittes Reich war selten. Alte Krieger, alte Nazis, alter Volkssturm, letzte Gefechte, Vertreibung, Zusammenbruch, „Befreiung" (?). Und trotzdem tun alle überrascht, wenn Jugendliche angesichts der Verblödung in unserer Gesellschaft so NS-fixiert sind.

Mir scheint: Adolfs großer Krieg bringt Einschaltquoten - oder man findet doofe Talkshows (doof ist geil!).

„Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten" (nochmal Nolte).

Wir kennen zwar nicht die Wahrheit; aber wir haben eine verdammt große Verantwortung!

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