Nachruf für Frau Ilse Rust

Saturday 17th of September 2005
Gunter von Schumann

Nach einem erfülltem Leben verstarb am 2.September 2005 Frau Ilse Rust, geborene Endriss in Swakopmund. Geboren am 17.August 1912 in Wind-hoek verbrachte sie auch dort ihre Schuljahre. Ihr Vater Heinrich Georg Karl Endriss (1879-1963) war als Gestützleiter bei führenden Züchtern im Lande eine angesehene Persön-lichkeit. Am 2.Juni 1907 war er in Swakopmund gelandet nachdem er seine Gestützlehrjahre in Bartenstein (Ostpreußen) absolviert hatte, das sich damals schon internationaler Aner-kennung erfreute. Dort wurde er auch von Gustav Voigts angeheuert. Als Gegenleistung für eine freie Überfahrt auf dem Deutsch Ostafrika Dampfer Admiral wurde er von Voigts ver-pflichtet eine wertvolle Geflügel-sendung für Zuchtzwecke auf der überfahrt nach Swakopmund zu versorgen und letztlich in Windhoek abzuliefern.

Jedoch, bevor Heinrich Endriss als Neueinwanderer Voigtsgrund per Ochsenwagen erreichen konnte, wurde er von Hauptmann Wilhelm Eichhof ungewollt abgefangen und ihm ein sofortiger Stellungsbefehl in die Hände gedrückt. Nach der Niederwerfung des Aufstandes im Süden wurde er in die üblichen Farmverwaltungsmethoden des Landes eingeweiht. Heinrich Endriss bewies sich als außerordentlich tüchtig und wurde sehr bald von Herrn Voigts als Gestütsleiter von 350 edel-sten Pferden nach Ababis versetzt. 1911 heiratete Endriss während eines kurzen Urlaubes in Deutschland. Tochter Ilse kam 1912 in Afrika zur Welt und verbrachte als Kind ihre ersten Lebensjahre auf der Voigts Farm.

1914 übernahm Endriss die Verant-wortung als Gestützleiter auf Claratal/Haris. Im Ersten Weltkrieg mußte auch er wieder Kaisers Rock anziehen. Im Jahre 1918 bewegte ihn Eduard Zimmer, ein Jugendfreund und Schulka-merad, in Gemeinschaft ein Speditions-geschäft in Windhoek zu gründen. Auf diesem Wege entstand die Firma Endriss & Zimmer. Da sich für Töch-terchen Ilse auch die Schullaufbahn näherte, und inzwischen Schwester Gisela hinzugekommen war, zog Familie Endriss nach Windhoek. Das Farmleben zog jedoch Heinrich Endriss immer wieder an und 1926 kaufte er die Farm Onduno von Frau Ella Geier. Für Pferde war diese Farm eine ausgesprochene gute Gegend. Aus dem Speditionsgeschäft zog er sich dann allmählich zurück. Der Farmkauf von Onduno brachte ihm auch somit den ersten Schwiegersohn ins Haus. Auf der Nachbarfarm Monte Christo farmte Johann Conrad Rust, Sohn des Redakteurs Conrad Rust Senior, der das bekannte Buch „Krieg und Frieden im Hererolande" 1905 publizierte. Nach der Schule ging Ilse vorerst in die Buchführungs-lehre zu ihrem Patenonkel Hans Callesen und heiratete 1935 Johann Conrad, allgemein bekannt als Conny. Nebenberuflich nahm sie emsig an Ballett und Tanzkursen Teil und trat somit schon in jungen Jahren bei Festlichkeiten auf der Bühne auf. Im Jahre 1936 zog die junge Familie Rust auf die Farm Kaltenhausen im Karibib Bezirk, um sich der Karakulfarmerei zu widmen.

Im Jahre 1942 hatte Heinrich Endriss die Farminternierung und ständige Belästigung der Polizei satt. Durch einen Bekannten in Groot-fontein konnte er Onduno an Bernhard Garbade verkaufen und erwarb Schönbrunn im Norden. Die Trockenjahre drückten auch Rusts und so folgten sie im gleichen Jahre dem Vater und pachteten die Farm Otjihaenena bei Grootfontein. Im Jahre 1951 entschlossen sich Rusts nach Swakopmund umzusiedeln. Ilse ging zu Woermann & Brock in die Buchhaltung während Ehemann Johann Conrad sich kurz im Baugewerbe und dann als Maschinist im E-Werk bis zu seiner Pensionierung betätigte. Aus der Ehe entsprangen zwei später sehr bekannte Fußballer, Dieter und Winfried. Nebenbei diente er für viele Jahre im Swakopmunder Stadtrat.

In Swakopmund begann Tante Ilse, wie sie liebevoll im allgemein bei allen bekannt war, mit Ballett und Tanz-unterricht. Für die vielen Schüler-heimer war es stets ein besonderer Anlaß im Rust Hause in der Feldstraße und später im Paulsen Hotel oder dem alten Bismarck die Tanzklassen beizuwohnen. Der jährliche Abtanz der Tanzschüler war allemal ein gern besuchter Höhepunkt auf dem Swakop-munder Saisonprogramm. Ein zweites Zuhause bei Pflegeeltern Rust wurde über Jahre hin etlichen Schülern und Lehrlingen aus dem Inland geboten, wo es sehr harmonisch zwischen Alt und Jung zuging. Nicht zu vergessen waren die Besuche der vielen Fußballer aus dem Inland die dort auch mitunter Unterkunft fanden und heitere Stunden verbrachten. Bei der Organisation von besuchenden Theatergruppen, wie zum Beispiel die verschiedenen Gruppen aus Berchtesgaden in den 1950ger Jahren haben Familie Rust eng mitgewirkt.

In Folge ihrer Menschenfreundlichkeit war Frau Rust bis ins hohe Alter eine Persönlichkeit, die von allen respektiert wurde. Von 1981 bis im Jahre 2002, ihrem neunzigsten Geburtstag, war sie täglich im Museum im Dienst der Gemeinschaft tätig. Sie hatte sehr viel Freude am Umgang mit Besuchern und war überglücklich, wenn ehemalige Tanzschüler sie begrüßten. Ihren Humor hatte sie auch trotz allen Schwierigkeiten im Leben nie verloren. Bei ihrem Abschied aus dem Swakop-munder Museum betonte sie zum Schluß: „Wegen den erfreulichen Beziehungen zum Kurator und allen Mitarbeitern bin ich schrecklich gern im Museum gewesen und fühle mich heute selbst als Museumsstück."

Doch auch im Leben mußte sie harte Schläge ertragen. Am 24.September 1974 verstarb ihr Mann Johann Conrad und im September 1983 verunglückte Sohn Winfried zwischen Usakos und Swakopmund. Nun nahmen Sohn Dieter, Familie, Enkel, Urenkel und Bekannte wiederum im September diesen Jahres von der geliebten Mutter, Großmutter und Urgroß-mutter Abschied. Ihre letzte Ruhe sei ihr bei ihren Eltern und Mann auf dem Swakopmunder Friedhof beschieden. Im kulturellen Bereich bleibt sie für Swakopmund und bei vielen Swa-kopmunder Altschülern, deren Leben sie mit geprägt hatte, unvergessen.

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