Thierse zu Besuch

Friday 25th of April 2003
Hans Feddersen

Wir freuen uns, daß Sie unsere namibische real existierende Wirtschaft und eine afrikanischeDemokratie erleben dürfen. Sie werden zwar an drei Tagen nicht genug Zeit haben, sich mit allen Themen zu befassen, aber es reicht für Sie als ranghohen Politiker der ehemaligen DDR und heutigen Bundestagspräsidenten, wenn Sie mit Präsident, Ministerpräsident und Speaker zusammentreffen und die Alte Feste (mit Reiter?), DHPS und Swakopmund besichtigen werden. Von ganz besonderer Bedeutung dürfte der Besuch der Tageszeitung sein, die über so genannte „Rassisten" (nach Ihrer Version) referieren kann. Sehr geehrter Herr Thierse, wir gönnen Ihnen den Abstecher, der Ihnen eine willkommene Atempause bietet angesichts der vielfälltigen politischen Sorgen Ihrer SPD. Sie werden allerdings feststellen, daß Namibias Deutschsprachige nicht ganz und in jeder Feingheit Ihr Geschichtsverständnis teilen. Manche sind heute noch sprachlos, weil Sie bei einer Veranstaltung zum Volkstrauertag im Reichstag verhinderten, daß Feldpostbriefe der deutschen Soldaten aus Stalingrad verlesen werden durften. Sie nannten diese Briefe „Nazi-Briefe". Und damit war der Fall für Sie erledigt. Dabei hatte der französische Komponist Lemeland sie in seine Sinfonie „Stalingrad" integriert, die am 19. November 1998 in Koblenz uraufgeführt wurde. Am 14. Mai 1999 führte das Wolgograder Philharmonische Orchester die Sinfonie mit den Brieftexten in Rußland auf (als der deutsche Soldatenfriedhof im früheren Stalingrad eingeweiht wurde). Dabei hatten die russischen Zuhörer die Brieftexte in russischer Übersetzung in den Händen und die russischen Zeitungen geben keine herabsetzenden Kommentare. So machte sich der französische Komponist Hoffnungen, daß die Sinfonie zum 60. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad von einem Musikkorps der Bundeswehr aufgeführt werden könnte. Doch dann sprachen Sie, Herr Thierse, von „Nazi-Propaganda". Hier in Namibia hat man Geschichte in den letzten 150 Jahren je nach Tagesregierung unterschiedlich interpretiert. Auch der Irak-Krieg ließ verschiedene Meinungen entstehen. Sie werden wohl verstehen, daß Hinterbliebene der Stalingrad-Opfer den Begriff „Nazi-Briefe" als Beleidigung empfinden.

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