Schüler träumte schon vom Pub

Friday 25th of April 2003
Sven-Eric Kanzler

Wo andere aufhören, fängt er erst richtig an. Die Party beginnt elf Uhr nachts, um zwei wird ein Schaf am Spieß serviert und um sechs werden die Gäste auf die Dachterrasse gebeten - zum Frühstück. Ort: Kückis Pub in Swakopmund. Damit ist schon fast klar, wer der Gastgeber sein muss. Aber wer hört, dass er mit der Party seinen 50. Geburtstag feiert, beginnt wieder zu zweifeln. Und doch ist es wahr: Wolfgang ‚Kücki‘ Kühhirt gibt es jetzt ein halbes Jahrhundert.

Das Licht der Welt erblickt er am 6. April 1953 in Windhoek, wo er aufwächst und zur Schule (DHPS) geht. Bereits als Schüler verschlägt es ihn ins Gastgewerbe: Er kellnert im Safari Motel. „Schon damals habe ich von einem eigenen Lokal geträumt", erinnert sich Kücki heute. Auch seine zehn Monate Wehrdienst bei der SADF verbringt er zumindest teilweise „betriebsnah" als Barmann in der Offiziersmesse. Dennoch ist er heilfroh, als er im Juni 1974 entlassen wird. „Sonst wär’ ich da zum Alkoholiker geworden", fügt er schmunzelnd hinzu.

Zielstrebig bastelt er nun an der Verwirklichung seines Traums: 1974 bis 1976 lässt er sich in Wuppertal zum Koch und Kellner ausbilden, schließt ein einjähriges Praktikum in der Schweiz an und besucht 1978 bis 1980 die Hotelfachschule Heidelberg. Nach dem Abschluss als Betriebswirt kehrt Kücki nach Namibia zurück, mit dem Rüstzeug für die Gründung seines Lokals. Am 13. März 1981, kurz vor seinem 28. Geburtstag, ist er am Ziel seiner Träume: In Swakopmund macht ‚Kückis Pub‘ die Pforten auf. Kücki steckt sein ganzes Herzblut in Restaurant und Bar, leitet den Betrieb, bildet Koch und Kellner aus, steht hinter dem Tresen und unterhält seine Gäste. Kein Wunder, dass der Pub rasch Kultstatus erlangt: Kein Aufenthalt in Swakop, ohne zumindest einmal bei Kücki gewesen zu sein.

Neben der Arbeit genießt das Energiepaket seine eng bemessene Freizeit. Das Hobby Fallschirmspringen gibt er bald wieder auf, weil seine Arbeit ihm wenig Spielraum für den Gruppensport lässt und ihm das Risiko zu hoch ist: „Damals sprang man noch mit einem runden Schirm und einer Sinkgeschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde - gefährlich für die Beine", erzählt der 50-jährige. „Eine Verletzung konnte ich mir nicht leisten, mein Lokal war ja eine One-Man-Show..." Segeln (Katamaran) ist weitaus besser geeignet, weil ein Individualsport und weniger riskant. 1989 kommt das Fliegen hinzu. 1996 macht er in Florida sogar seine Lizenz als Berufspilot (CPL). Heute hat er etwa 2.000 Flugstunden auf dem Buckel.

Seine Partnerin Annette Künzle lernt er 1995 kennen. Sie ist in Frankfurt geboren, im Alter von vier Jahren nach Namibia gekommen und hier aufgewachsen. Wer die beiden auf der Tanzfläche sieht, hat keinen Zweifel, dass sich hier Topf und Deckel gefunden haben. Wenn auch nicht auf Anhieb, denn beide sind geschieden. „Das ist etwas, was ich nicht wieder machen würde", verrät Kücki: „Heiraten". Dennoch: Im Kreise seiner Partnerin Annette und ihren Kindern Lara und Michelle fühlt sich Kücki sichtlich wohl. Stolz zeigt er auf die Dekoration des Raums - Girlanden und Luftballons, Fotos mit grinsenden Kückis in verschiedenen Lebenslagen an den Wänden, ‚50‘-Konfetti auf den Tischdecken: „Haben meine Ladies gemacht".

Kücki liebt nicht nur Parties, sondern hat auch ein Faible für die Wüste. 1989 kauft er die Farm Rostock Süd nördlich von Solitaire. Das Farmhaus nutzt er für einen kleinen Gästebetrieb. 1998 sieht er den Zeitpunkt gekommen, Nägel mit Köpfen zu machen: Er baut das Gästehaus zur Lodge aus und eröffnet sie im Oktober unter dem Namen ‚Rostock Ritz‘. Zur gleichen Zeit verkauft er seinen Pub in Swakop, um sich ganz dem Aufbau seiner Lodge widmen zu können. Viele Namibier schütteln den Kopf: Kückis Pub ohne Kücki? Ihre Befürchtungen bewahrheiten sich schnell. Die Küche ist nicht mehr so gut wie gewohnt, die Leute gehen woanders hin. Das ganze Land horcht auf, als Kücki seinen Pub drei Jahre später zurück kauft. Seitdem ist er wieder eine feste Adresse für den Swakop-Besuch.

Am Abend nach der Party am Strand. Kurz vor Sonnenuntergang kommt Kücki mit seinen Hunden vom Spaziergang zurück. Die Augen leicht gerötet, aber ansonsten topfit. Geschlafen hat er noch nicht. Was sind seine Pläne für die nächsten 50 Jahre? „Mir gehen tausend Dinge im Kopf herum", antwortet er, „aber vieles ist noch in der Schwebe. Es hängt auch davon ab, wie sich der Tourismus hier weiter entwickelt." Dann schaut er auf die Uhr. „Sorry, ich muss los". Ab ins Bett, den versäumten Schlaf nachholen? Keineswegs. „Ich muss unbedingt Formel 1 gucken." Nicht zu glauben, dass dieses Energiepaket ein halbes Jahrhundert alt ist. (sek)

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