90 Jahre AZ

Saturday 22nd of July 2006
Hans Feddersen

Eine Tageszeitung wird 90 Jahre alt. Das wäre viel-leicht nicht sooo bemer-kenswert, wenn da nicht ein paar interessante Fak-toren mitspielen würden.

Es handelt sich um eine exotische „Allgemeine Zeitung" (die sich aus diesem Anlaß übermütig und spaßeshalber „das PLUS in Namibia" nennt). Und sie ist mit überwiegend (zeitweilig sogar ausgesprochen NUR deutschspra-chigem Inhalt) auch jetzt noch nahezu doppelt so alt wie Zeitungen und Magazine in Deutschland, die nach dem zweiten verlorenen Krieg erst wieder Lizenzen von Besatzungsmächten beantragen mußten.

Die AZ überlebte 90 entwicklungs-reiche Jahre lang als Informations-quelle, als kulturelles Bindeglied und manchmal sogar als Sprachrohr der Deutschsprachigen in einem Land fern der Heimat. Als Leser wuchsen sie zu einer (verschworenen) kleinen Ge-meinschaft zusammen. Manch einer mag geschimpft haben - und auch heute noch schimpfen -, weil sich diese deut-schen „isolierten" und nicht einfach so „assimilieren" ließen.

Das macht einen wichtigen Grund für das Überleben der AZ aus!

Ein anderer Grund: Es hat immer wieder Leute gegeben, die ihr Herzblut für diese Tageszeitung opfereten. Für die letzten rund 25 Jahre (und mehr) fallen Namen wie Karin van den Berg, Dirk Heinrich, Anne-Marie Schlorf und Bahati Traut ein. Wer der Zeitung zum langen Bestehen gratuliert, muß im Besonderen an solche Kräfte denken, die der hektischen und aufreibenden Zeitungsarbeit treu blieben.

Natürlich gibt es Themen, für die sich die Tageszeitung ‚zu fein" ist. Man vermißt angesichts der bequemen elektronischen Möglichkeiten und dem Zugriff auf fertige Agen-turmeldungen immer mehr den investigativen Journa-lismus alter Prägung.

Und das, obwohl sich die Anzahl des Personals im letzten Jahrzehnt enorm vervielfacht hat (anders als die Seitenzahl oder die Anzahl der Leser).

Ist das „Zeitungsmachen" in neuester Zeit so schwierig geworden, daß man nur noch mit großem Personal dagegen ankommt?

Noch etwas: Manch einer mag sich über die enge Zusammenarbeit mit Instanzen wundern, die in anderen Zeitabschnitten „zumindest suspekt" waren (freundschaftlicher Austausch der freien Medien mit XYZ ist kein ewiger Wert!), aber auch dieses Lavieren kann zu einem (notfalls wirtschaftlichen)Vorteil werden.

90 Jahre - das sind einige Genera-tionen. Und während die Vergangen-heit besondere Erinnerungen, Erleb-nisse und Anekdoten weckt, ist der Geburtstag doch auch Anlaß zur wehleidigen Feststellung, wie schnel-lebig nicht nur die Tageszeitung ist: Wen interessiert das Geschehen der vergangenen Jahre tatsächlich noch? Und wie mag das in 10 oder 50 oder 90 Jahren aussehen? Was ist, wenn jene Generation abtritt, die sich noch mit geschichtlichen Hintergründen befaßt? Oder: Wenn die Funktion eines „Wachhundes in der demo-kratischen Gesellschaft" einmal nicht mehr Priorität einer Zeitung sein sollte? So ändern sich die Zeiten...

Der Zahn der Zeit, der schon über viel Negatives Gras wachsen ließ, wird vielleicht auch bald manches Gute bedecken. Es geht immer weiter. Wir können weder in die Zukunft sehen noch die Zeit anhalten. Deswegen war sich schon Goethes Faust sicher: „Sollt ich zum Augen-blicke sagen: Verweile doch, Du bist so schön..." dann werde er endgültig Mephisto verfallen.

Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, Du liebenswürdige Institution, gute, Alte Tante AZ! Was wären wir wohl ohne Dich? Weiter machen, auch wenn‘s manchmal schwer fallen sollte!

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