Das letzte sozialistische Grossprojekt

Friday 13th of June 2003
Hans Feddersen

Wen stört es schon, wenn in China ein Sack Reis umkippt? Das soll sagen: Uns kümmert die nähere Umgebung; wir suchen das Besondere in unserem Alltag und Umfeld... Aber wenn China einen Staudamm baut, der zur Bekämpfung von Überschwemmungen nicht taugt - und wenn Gegner des Projekts vom „Tschernobyl der Wasserkraft" sprechen, sollte man vielleicht doch mal hinhören. Denn schließlich ist der Drei-Schluchten-Staudamm im Jangtse das letzte sozialistische Großprojekt. Oder auch nicht..., denn da soll es ja auch noch Epupa geben. Nach neun Jahren Bauzeit wurden am 1. Juni die Schleusentore geschlossen - „ein historischer Augenblick", wie das chinesische Staatsfernsehen titulierte. Es strahlt jeden Tag live aus, wie die Wassermasse steigt... In 15 Tagen soll der Jangtse-Strom 135 Meter hoch gestaut werden. Damit wäre ein Wasserweg für die Schiffahrt geschaffen, der den Westen Chinas mit dem Osten verbindet; die drei engen Schluchten könnten überwunden werden. Und die 26 Riesenturbinen sollen 2009 so viel Elektrizität (u.a. für Schanghai) erzeugen, wie 12 Atomkraftwerke zusammen. Vorausgesetzt, der Damm verschlammt nicht, es gibt keine Erdbeben oder schwimmende Müllberge. Außerdem wäre er ein willkommenes Angriffsziel für Terroristen... Wenn der Staudamm fertig ist, soll seine Mauer 185 Meter hoch und 2309 Meter breit sein und Wasser 660 Kilometer weit stauen. Das muß man sich mal vorstellen. Und 720 000 Menschen mußten ihre Heimat verlassen. Die neuen Trabantenstädte waren aber am 1. Juni noch nicht fertig. 125 000 Bauern wurden umgesiedelt. Tempel, Dörfer und eine uralte Landschaft, die Historiker für eine der Wiegen der Zivilisation halten, werden überflutet. Antike Gräber und Relikte konnten nicht gerettet werden. Seit zehn Jahren setzt sich die Regierung wegen des letzten sozialistischen Großprojekts über Warnungenvor den Folgen für Klima und Tierwelt, vor Bergrutschen und Verschlammung hinweg. Man sagt, daß der Damm einst wieder gesprengt werden muß... - und dann denken wir unwillkürlich an das Epupa-Projekt: Wird dies nicht auch einmal als große ideologische Leistung einer Regierung „im nationalen Interesse" - und sonst nichts - dastehen?

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