Rede am Marinedenkmal Swakopmund

Friday 16th of February 2007
Hans Feddersen
Your Worship the Deputy Mayor of Swakopmund,
Meine sehr verehrten Damen und Herren
liebe Kameraden,

wir sind hier nicht versammelt, um die Kolonialzeit zu glorifizieren...
Vielmehr wollen wir gemeinsam jener Angehörigen der kaiserlichen Schutztruppe gedenken, die  - in nicht geringer Zahl sogar freiwillig - nach SWA kamen, um ihre Landsleute vor Gefahren wie Vernichtung ihrer mühsam aufgebauten Existenz und vor dem Tod zu schützen.
Hier in Swakopmund dient das Gedenken der dankbaren Erinnerung an Marine-Angehörige, die mit der SMS Habicht als erste zur Hilfe eilten - und an die Seesoldaten des Expeditionskorps Wilhelmshaven, die 3 Wochen später in Swakopmund an Land gingen.

Over the years this annual event culminated into a day where all those are remembered who have fallen in the wars that shaped Namibian history.

Ähnliche Feiern gibt es regelmäßig (jedes Jahr) am Waterberg und in Omaruru.
In den genannten Fällen anerkennen wir über die militärische Leistung der Schutztruppe hinaus die Tatsache, daß junge Männer und Frauen ohne Akklimatisationszeit im afrikanischen Klima  sofort zum Einsatz bereit waren, gegen eine ihnen unbekannte Guerilla-Taktik des Gegners. Sie nahmen Strapazen ohne Wasser und Verpflegung auf sich. Die Deutschen Missionare und Kaufleute, die das Land erschlossen, gaben ihre Kultur nicht auf, obwohl sie sich nicht isolierten. Sie legten aber auch den Grundstein dafür, daß der deutsche Beitrag zur Entwicklung Namibias bis heute noch aufrichtig respektiert wird.
Halten wir fest, daß es in Namibia Denkmäler für deutsche Soldaten gibt - und daß sich Traditionsverbände ehrenamtlich und vorbildlich zur Pflege derselben einsetzen, was aber nicht immer und überall  so positiv gesehen wird. Nicht einmal von amtlichen deutschen Stellen.  Ich betone das, weil drei ehemalige Verteidigungsminister in der vergangenen Woche in einem offenen Brief in der BILD-Zeitung ein Ehrenmal für die 65 deutschen Soldaten forderten, die seit Gründung der Bundeswehr im Auslandseinsatz gefallen sind. (Anm.: Georg Leber, SPD, Hans Apel, SPD, und Rupert Scholz, CDU)

Niemand wühlt gern in bösen Erinnerungen herum - und vielleicht wäre das Leben tatsächlich bequemer, wenn wir mit der Vergangenheit nichts am Hut hätten. Schließlich ändert sich die Zeit.  In seiner Gedenkrede am 10. August 1969 am Waterberg jubelte Professor W. Bertelsmann geradezu: “Freudig stimmt uns die starke Beteiligung der Jugend. Welch eine Harmonie der Generationen, so möchte man ausrufen - glückliches Südwest!” Und dann ging er auf die Bewältigung der Vergangenheit ein. Er erinnerte daran, daß “vielleicht mancher, der den Geist der Zeit besser zu verstehen meint, den Standpunkt vertrete, man sollte Ereignisse wie die Schlacht am Waterberg überhaupt totschweigen und vergessen. Das, Kameraden, wäre nicht Südwester Art! Hierzulande bewältigt man Vergangenheit nicht dadurch, daß man aus dem Geschichtsbuch diejenigen Seiten entfernt, mit denen ein an der Oberfläche plätschernder Zeitgeist nichts anzufangen weiß.”
Und weiter: “Tradition heißt nicht, die Asche aufbewahren, sondern die Flamme am Brennen halten”.
Nach dem ersten verlorenen Weltkrieg hatten die Sieger befunden, daß Deutschland sein Versagen auf allen Gebieten der kolonialen Zivilisation vollkommen offenbart  und sich allzu grausamer Methoden bedient habe. Deshalb mußten ihm die Kolonien abgenommen werden, die 6 mal so groß wie Deutschland waren.. Niemand wagte den Vergleich mit England, Belgien oder Holland, deren Kolonien 103 mal, 80 mal und 60 mal so groß wie das Mutterland waren. Niemand erwähnte, daß damals Kriege durchaus als legitimes Mittel der Politik betrachtet wurden. Die Schutztruppler erwarteten keinen Friedens-nobelpreis. 1904 ließen Soldaten der  Schutztruppe ihre mutigen und tapferen Gegner am Sieg zweifeln, weil sie als Einzelkämpfer unerschütterliche persönliche Tapferkeit an den Tag legten. Deshalb können wir Achtung vor der Vergangenheit haben.
Aber wie steht es um die Verantwortung gegenüber den Aufgaben der Gegenwart?
Die Zeiten haben sich geändert. Wer im Zusammenhang mit der Vergangenheit Worte wie “Heldentum” nicht mehr aussprechen möchte, verzichtet freiwillig auf einen wichtigen Teil seiner Selbstachtung!
Eine durch Scheuklappen eingeengte Umerziehung führte dazu, daß unser so viel beschworener Zeitgeist  durch Verschleierungen, Halbwahrheiten, Geschichtslegenden und Geschichtslügen gekennzeichnet ist. Man kann sich nicht einmal mehr auf so genannte authentische Dokumente verlassen, weil diese teilweise für Propagandazwecke vorbereitet wurden.
In der Gegenwart gibt es immer weniger Leute, die sich an konservativen Werten orientieren und ein Minimum an kultureller und nationaler Identität erhalten möchten. Dabei hätte die Welt verdient, daß angesichts des wenig glücklichen Wortes von der “Bewältigung der Vergangenheit” ganze Feldzüge gegen mancherlei Heuchelei und Umerziehung stattfinden. Wie sonst soll man der Neugier und dem Anspruch gerecht werden, was wirklich geschehen ist? Das ist ein lohnender pädagogischer Auftrag!
Nein, es geht nicht um Reue oder Schulderklärungen, wohl aber um die Bereitschaft, sich ohne Vorurteile mit historischen Ursachen und Folgen zu beschäftigen. Ansonsten kann man das Geschehene nicht begreifen. Angesichts der Katastrophen und Irrwege sind ehrliche Auseinandersetzungen not-wendig, wenn man mit den Forderungen der eigenen Zeit zurecht kommen will.  Man wird die Sünden der Kolonialgeschichte  - alle Sünden - nicht ignorieren können, man darf auch nicht den politischen Sprengstoff ausklammern, der den Bogen von Nazi-Deutschland über Stalin, Vietnam und Irak bis in die heutige Zeit ausmacht.
Persönlich zähle ich zu den Forderungen der heutigen Zeit Stich- und Reizworte wie “Genozid”.
Erlauben Sie mir, anhand des Beispiels “politischer Korrektheit” zu zeigen, daß es in der Gegenwart nicht unbedingt um Vergangenheitsbewältigung gehen darf.  Vielmehr ist eine Bewältigung der Gegenwart wichtig. Diese Gegenwart ist durch “politisch korrektes” Denken vergiftet. Demokratische, vermeintlich  freie Menschen  werden zu unmündigen, eingeschränkten Bürgern ohne eigene Meinung. Der freie Wähler wird zu willigem Stimmvieh degradiert. Politisch korrekt wird zum Deckmantel für subtiles Manipulieren unkritischer Massen, die sich dem Strom der Meinungsmacher anpassen, weil Abweichlern mit  Angst, Terror und Sanktionen gedroht wird. Wem solche einseitigen Werte auferzwungen werden, verzichtet zugunsten eines kollektiven Wertesystems auf  private Meinung und Menschenwürde, denn “korrekt ist, was alle als das Richtige fühlen”. Wir sind politisch leicht überfordert und ergeben uns der (neuen) Diktatur des “Guten”. Das individuelle Gewissen wird sozial kontrolliert, notfalls mit künstlich geschaf-fenen Gewissenskonflikten.
Natürlich widerspricht das Konzept der political correctness den Grundsätzen der Demokratie (Meinungsfreiheit und Toleranz).
Politisch korrekt? Als 1990 die Fußball-Weltmeisterschaft in Italien stattfand, schrieb die Süddeutsche Zeitung einen Kommentar: “Hilfe, wir werden Welt-meister, Ein Albtraum. Wir haben die Welt durch die Wiedervereinigung erschreckt... wir erschrecken sie durch einen immer kecker sein Haupt erhebenden Neo-Nationalismus. Müssen wir sie ohne Not auch noch durch den Gewinn der Fussball-WM schockieren?” Und die dpa zitierte den Rhetorikprofessor Walter Jens: “Ein frühzeitiges Ausscheiden der deutschen Mannschaft wäre kein nationales Unglück, sondern eher heilsam, es würde “unserm Land weltweit größeres Prestige einbringen, etwa gegen Kamerun fair und nobel zu verlieren, als den Titel zu gewinnen”
Weil Kamerun von 1884 bis 1916 unter deutscher Schutzherrschaft stand?
Eine Gegenwartsbewältigung tut not!
In Namibia sind Denkmäler vorhanden, aber die Vertretung der Bundesrepublik kümmert sich kaum um die damals gefallenen Landsleute. Wir haben nichts dagegen, wenn sie den Herero gegenüber etwas “wieder gut machen möchte” und ein Kulturzentrum finanziert - aber muß sie den Einsatz eigener Landsleute ignorieren? Weil es politisch korrekt ist?
Wir haben uns hier versammelt, derer zu gedenken, die hier bestattet wurden.
Ich möchte abschließend Dr Andreas Vogt zitieren, der vorhin auf dem Friedhof sagte: “ Es ist uns als Mitgliedern des Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen ein Anliegen, ihr Andenken zu pflegen und zu bewahren, aus Gründen der Mitmenschlichkeit, der Pietät und der Anteilnahme am Leben derer, die ihr Leben für andere gaben. Mögen ihre Denkmäler und Grabstätten weiterhin so sorgfältig gepflegt und in Ehren gehalten, und ihre Leistungen nicht vergessen werden”.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Foto: Kurz vor der Feier am Marine-Denkmal hielt Dr Andreas Vogt auf dem Friedhof eine Gedenkrede für einstmalige Gegner, “die sich in jungen Jahren die Uniform anziehen mußten... und dabei den Tod fanden”. Dr Vogts: “Es ist uns als Mitgliedern des Traditionsverbandes ehemnaliger Schutz- und Überseetruppen ein Anliegen, ihr Andenken zu pflegen und zu bewahren, aus Gründen der Mitmenschlichkeit, der Pietät und der Anteilnahme am Leben derer, die ihr Leben für andere gaben. Mögen ihre Denkmäler und Grabstätten weiterhin so sortgfältig gepflegt und in Ehren gehalten und ihre Leistungen nicht vergessen werden”.

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