Terror gegen den Westen

Tuesday 24th of April 2007
F. Schwennicke
Ein jeder von uns kann sich noch gut erinnern, wobei die Zwillingstürme in New York und das Regierungs-zentrum  in Washington angegriuffen wurden. Zu diesem Attentat möchte ich gerne den Soziologen Prof. Kaesler nennen, welcher zu einer erstaun-lichen Erkenntnis kommt.
Soziologen bezeichnen das, was sich in den USA ereignet hat, als “al-truistische Selbstmorde”. Hierbei ist die Rede von Menschen, die ihr Leben für eine “höhere” Sache opfern und dabei andere Menschen bewußt in den Tod mitnehmen. Für uns im Westen ist ein solches Handeln nahezu unvorstellbar. Wir kennen es nicht, dass Menschen ihr Leben willentlich und von langer Hand vorbereitet für eine höhere Sache weggeben. Das hat damit zu tun, dass wir Religiosität nicht mehr so ernst nehmen. Für Menschen anderer Kulturkreise ist eine solche Hingabe aber alles andere als lebensfremd, ja sowas wird sogar mitunter erwartet. Die Religion ist ein Teil ihrer selbst.
Es gibt drei Motive für das Handeln dieser Menschen. Sie handeln aus Idealismus, altruistisch, also nicht für sich, sondern selbstlos für eine übergeordnete Sache. Und sie handeln aus religiösen Motiven. Alle drei Motive passen nicht in unser säkularisiertes Christentum. Zwar gibt es im historischen Christentum die sehr ehrenwerte Figur des Märtyrers, eines Blutzeugen für den Glauben. Doch niemand wurde zum Märtyrer erklärt, der den Tod bewußt gesucht hat, und schon gar nicht, wenn er dadurch andere Menschen mit in den Tod gezogen hat. Die Gegenwart kennt solche Märtyrer für den christlichen Glauben nicht mehr. Im Gegenteil: Jeder Mensch, der sein Leben für eine Sache hergibt, ist uns fremd, unheimlich. Daher erklären wir solche Menschen entweder als verrückt oder als verbrecherisch. Die Selbstmordattentäter in den USA waren weder krank noch kriminell in demSinn, dass es mordlüstige Bestien waren. Ich bin davon überzeugt, dass diese Leute in den letzten Sekunden ihres Lebens eher gebetet haben, als sich darauf zu freuen, Tausende von Menschen umzubringen. In gewissem Sinn sind die Attentäter recht-schaffene, ernsthafte, sehr diszipli-nierte Menschen und keineswegs feige.
Wenn wir davon ausgehen, dass diese Handlungsweise im Wesentlichen religiös motiviert ist, muss man sich nur die anderen großen Weltreligionen anschauen. Der Konfuzianismus kommt nicht infrage. Angehörige dieses Glaubens wollen sich nicht auf die Welt einlassen. Der Buddhismus kommt auch nicht infrage. Dessen Ziel ist es, dass Menschen sich aus dem Leben herausziehen. Die maxi-male Aggression eines Buddhisten ist die Eigentötung als Fanal. Auch das frühe Christentum kannte den altrui-stischen Selbstmord nicht. Im traditio-nellen Judentum ist Selbstmord tabu.
Der Islam dagegen ist eine “Kriegerreligion” und kennt eine Tradition, die den Muslim zwingt, für seinen Glauben Ungläubige mit in den Tod zu ziehen.
Es scheint so zu sein, dass die Selbstmordkommandos in den USA deshalb zusammengestellt wurden, weil eine Gruppe von Muslimen sich in ihrem Glauben und damit in ihrem Leben bedroht sahen. Für diese Gruppe gibt es offensichtlich einen großen und einen kleinen Satan: die USA und Israel. Diese beiden Mächte sind für sie moderne Agenten des jahrhundertealten Kampfes des Westens gegen den Islam. Wir können das zwar als die verrückte Wahrnehmung einer verzerrten Wirklichkeit interpretieren. Doch das hilft uns nicht weiter. Diese Menschen sehen sich in ihrer Existenz bedroht und handeln in dem Gefühl, dass ihre Sicht der Dinge richtig ist. Sie fühlen sich bedroht von der westlichen Wirtschaft, von der westlichen Politik, durch die westliche Kultur. Deshalb schlagen sie zurück.
Aus der Sicht der islamitischen Muslime wurde die eskalierte Auseinandersetzung nicht von ihnen begonnen, sondern vom Westen, mit Einheitsprodukten wie Coca Cola oder McDonald’s, mit  kommerzia-lisierter Pornografie und mit dem Dollar. Nach deren Auffassung hat die westliche Wirtschaft mehr zer-schlagen, als in New York oder Washington zerstört wurde. Auch wenn diese Auffassung für uns völlig verrückt und höchstgradig kriminell ist, so handelt es sich bei denen um Selbstverteidigung. Mit dem World Trade Centre hat man die ökono-mische Macht getroffen und wollte auch die politische Macht im Pentagon treffen, was nicht ganz gelang.
Die Frage ist nun, was ist zu tun? Besonnenheit und Wachsamkeit, aber sie alleine lassen uns die Krise nicht meistern. Wenn wir tatsächlich die westlichen Werte verteidigen wollen - und nicht nur unsere globalen ökonomischen Interessen -, haben wir gleich zwei Probleme: Einerseits bekennen wir uns zum Christentum mit der versöhnenden Beergpredigt, die Feindesliebe zu einem wesent-lichen Glaubensgrundsatz erhebt. Als Christen dürfen wir keine Unschul-digen umbringen. Andererseits sind wir im Westen stolz auf die Pro-klamation der Menschenrechte durch die Französische und die Ameri-kanische Revolution. Wem es mit den Mernschenrechten ernst ist, der darf jetzt nicht den gewaltsamen Eingriff in die Rechte anderer Menschen gut heißen. Diese Werte stehen gar nicht zur Verteidigung bereit.
Was können wir außer Krieg oder Besonnenheit also anbieten?
Wir müssen es ernst meinen mit dem Dialog zwischen den Kulturen, neu ist das nicht. Wir können unsere wirtschaftliche Expansion überdenken. Wir müssen  aufhören zu missionieren - in jeder Hinsicht. Wir dürfen niemandem unsere Werteordnung aufdrängen. Selbst dann nicht, wenn wir so etwas Gutes im Gepäck haben wie Menschenrechte, Demokrati-sierung und Individualisierung. Um dahin zu kommen, hilft  nur eine vollkommene Trennung von Religion und Staat - wie in Frankreich. Diese Form von Säkularisierung haben die USA, Gods own country, noch lange nicht erreicht, auch wir in Deutsch-land nicht - solange bei uns in Schulen, in Gerichtssälen noch Kreuze hängen. Erst wenn diese Trennung verwirk-licht ist, machen  sich die Menschen wirklich Gedanken über Werte, die es zu verteidigen gilt. Dazu gehört die schmerzliche einsicht, dass zu einer humanen Zivilisation im west-lichen Verständnis die strikte Trennung von Religion und Politik gehört. Auf der politischen Bühne in Frankreich würde sich kein Politiker als gläubiger Christ offenbaren. Das würden ihm selbst die vielen gläubigen Landsleute übel nehmen, weil sie Politik und Kirche streng trennen. Eine strikte Trennung ist meines erachtens eine hervorragende Gegen-strategie zu der Taliban-Bewegung, weil eine solche Politik aus Gründen des Glaubens keinerlei Konzessionen machen muss. Wenn sowohl die arabi-schen Staaten aus der sogenannten Fundamentalismusfalle als auch Israel aus der sogenannten Zionismusfalle herausfinden, haben die religiösen Scharfmacher auf beiden Seiten verloren.
Israel ist nicht allein der Staat der Juden, denn das hätte Konsequenzen für die Bürgerrechte Andersgläubiger. Es gibt in Israel Strömungen, die diese Lösung offensiv vertreten, die Kirche vom Staat zu trennen. Andere sagen, Israel sei eine moderne demokratische Gesellschaft, in der der Mensch - unbhängig  von seiner religiösen Orientierung - Bürgerrechte hat. Zwischen diesen beiden Polen pendelt der Staat, je nachdem die Mehrheitsverhältnisse im Parlament aussehen. Würde sich Israel dazu durchringen, eine säkularisierte Gesellschaft zu sein wie Frankreich, wäre kein Rabbi mehr in der Lage zu behaupten, dass eine Regierung gegen Gottes Gebot verstößt. Dadurch hätte das Land sicher weniger Probleme mit seinen Nachbarn.
Übrigens hat der namibische Staat ganz andere Probleme, aber die Erkenntnisse von Prof. Kaesler sind absolut nicht neu, denn schon Wilhelm von Occam - ein Philosoph aus dem 13. Jahrhundert meinte - Gott und die christliche Theologie gehörten nicht in den Bereich der Politik und Wissenschaft. Auch der französische Genetiker Jacques Monod plädierte 1970 für eine strikte Trennung von Kirche und Staat und erklärte in dem letzten Kapitel seines Werkes wie sowas vonstatten gehen könnte. Hat eventuell nur Frankreich daraus lernen können?
Scheinbar nicht, wie das neueste Beispiel in Nordirland zeigt. Nach so langer Zeit und so vielem Leid konnte sich wahrscheinlich, aber nur überkonfessionell, eine neue Regierung bilden. Um überhaupt eine Lösung dort zwischen Katholiken und Protestanten zu finden, musste zwischen Politik und Religion eine Trennung stattfinden.

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