Wer den Schaden hat, ...

Sunday 13th of May 2007
Siegfried Werthmann
Einige staatliche Rastlager waren in den 80er Jahren von November bis März für Besucher geschlossen. Regen im Norden und unerträgliche Hitze im Süden (Ai-Ais Canyon) waren die Hauptgründe dafür.
Wir Restaurantverwalter waren zu dieser Zeit beschäftigungslos und auch froh, wenn wir in einem der ganzjährig geöffneten Lager einen urlaubsreifen Kollegen ablösen durften. Meine Frau und ich waren in einem dieser Jahre, im Monat Januar, im Daan Viljoen Park an der Reihe, die Vertretung zu übernehmen.
Am Vorabend unseres Dienstantritts kamen wir am späten Nachmittag im Kamp an. Schon am Eingangstor bekamen wir den Schlüssel für unseren Bungalow und eine schriftliche Botschaft vom leiter des Parks, daß er leider heute nicht anwesend sein könne und daß der Restauranteur schon vor zwei Tagen seinen Urlaub angetreten hätte. Er versicherte uns aber auch, daß alles bestens organisiert sei.
Wir trugen Zivil und nur der Pförtner am Tor kannte unsere Identität. Wir erfrischten uns ein wenig im Badezimmer unseres neuen Heimes und eilten dann ins Restaurant. Ein paar Regenschauer waren in der Umgebung gefallen und Motten und andere Insekten schwärmten zahlreich durch die schwüle Luft. Schnell wich n kleiner tisch angewiesen. Alles war sehr sauber und die beiden Kellner sehr höflich.
Über unserem Tischchen war eine Hängelampe, welche gedämpftes Licht spendete. Es war sehr gemütlich. Nur ein Dutzend Gäste und ein paar unerwünschte Insekten befanden sich im Raum. Nun werden zwar nicht alle Motten von Lichtquellen angelockt, aber ein besonders schönes großes Exemplar hatte sich unseren Tisch für kreisförmige und ovale Übungsflüge ausgesucht. Sie machte auch einen Abstecher zu anderen Lampen im Saal, kehrte dann aber wieder zu unserer Hängelampe zurück.
Zwei Kellner bedienten. Einer davon sehr routiniert, während der andere einen noch etwas ungeschliffenen Eindruck machte. Wir alle wissen ja: Kein Meister fällt vom Himmel. Dieser junge Mann war unser Tischkellner. Er war sehr freundlich und brachte uns auch bald die bestellte heiße Suppe. Wir ließen es uns schmecken.
Das Gebrumme der Motte wurde immer intensiver, scheinbar hatte sie sich den Leib an der heißen Glühbirne ein wenig angesengt. Sie umkreiste noch schneller die Hängelampe und dann passierte es: Das Tier stürzte ab, mitten in die heiße Suppe meiner Frau. Ein kurzer Quieklaut war beim Aufprall zu vernehmen, oder war es nur Einbildung?  Die Kraft reichte dann noch für ein paar Flügelschläge auf der Suppenoberfläche, dann war das Tierchen tot. Mit einer Spannweite von 40 mm und einer Länge von etwa 25 mm konnte man es als groß bezeichnen. Unser Tischkellner eilte auf meinen Wink herbei. Er sah das Malheur, machte er auch kein Aufheben davon, sondern griff segr geschickt mit drei Fingern in die Suppe und schleuderte mit einem kraftvollen Schwung das tote Tier auf den Fußboden, dabei aber laut und deutlich das Wort “Bliksem” ausstoßend. Ein afrikaanser Ausdruck, der in diesem Fall wohl mit “Schwerenöter” zu übersetzen ist.
Meine Frau hielt die Serviette vor den Mund. Am Nachbartisch hub man an diskret zu lachen. Das war Situationskomik pur! Ich probierte meine Lachmuskeln zu beherrschen, aber auch das fiel schwer. Unser Kellner entschuldigte sich kurz, räumte das Mottentier hinweg, wischte den Flecken vom Fußboden und dann geschah... nichts!
Auf meinen Wunsch nach einer frischen Suppe sah ich in die erstaunten Augen des Eleven. Ich lächelte ihn aber  an und fragte, ob ich einmal den Küchenraum betreten dürfte. Es wurde gestattet.
Der junge Mann, mit der flügelstaubbedeckten Suppe vorweg, und ich betraten diue Küche. Ich wollte ihn nicht anschwärzen wegen des heiklen Vorfalles, sondern sicher sein, daß auch eine frische Suppe serviert würde. Bei dieser Gelegenheit stellte ich mich auch gleich als Vertretung des Restaurantleiters vor. Zu meinem Erstaunen hatte die Buschtrommel dies aber schon gemeldet. Auch was an unserem Tisch geschehen war, blieb nicht geheim.
Unser Eleve machte sich in der Folgezeit ganz gut, aber man hörte das B-Wort doch hin und wieder, getreu dem Sprichwort: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen
Euer Siegfried Werthmann

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