Al Gores Comeback

Friday 25th of May 2007
Hans Feddersen
Afrika feiert den Afrikatag.
Draußen dreht sich die Welt unaufhaltsam wei-ter. Manchmal scheint es sogar so, als gebe es “draußen” interessan-tere Meldungen - und als sei irgendwo anders in der Welt mehr los als hier in Namibia. Gut, wir schlafen doch auch nicht. Aber Bankraub und Präsiden-tenreise, Debatte über Veteranen und Jugendparlament - das ist alles nicht so spannend wie der G-8 Gipfel (mit seinen “Stasi-Methoden”). Nicht einmal der Prozeß gegen den Boxer Harry Simon kann der beginnenden Wahl in den USA das Wasser reichen!
Damit haben wir das Stichwort.
Al Gore hat ein Buch voller flam-mender Kulturkritik veröffentlicht: “Assault on Reason”. Das Buch liest sich (sauszugsweise im Internet) wie ein Wahlprogramm.  Er  prangert den Verfall der US-Demokratie an - und gibt nicht nur George W. Bush die Schuld. Sondern der Profitgier, Dummheit, Ignoranz im Land. Davon hat Gore die Nase voll.
Aus dem „politischen Exil“ ist Gore in seinem „Angriff auf die Vernunft“ wütend. Al Gore schäumt vor Wut. Wut auf US-Präsident George W. Bush, dessen “reaktionäre Ideologie” nur von seinem “epischen Versagen” übertroffen werde. Wut auf die eigenen, ideenlosen Parteifreunde. Wut auf die zu reinen “Profitzentren” verkommenen Medien. Vor allem aber Wut auf Amerika überhaupt - diese einst so stolze Nation, deren Bürger immer dümmer, ignoranter, apathischer würden.
Gore ist politisch gescheitert - und daran trägt George W Bush die Schuld.  Noch ist Gore kein Kandi-dat. Im Gegenteil: Er betont bei jeder Gelegenheit, daß er nicht antreten wird. Aber sein leidenschaftlicher Exkurs könnte ihm die Tür zum Comeback öffnen.
Nach seinem ketzerischen Bestseller “An Inconvenient Truth” ist Gore diesmal scheinbar zur Höchstform aufgelaufen! Gore mutiert vom Wahlverlierer zum Weltenretter. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Diesmal nimmt er nicht nur das Klima aufs Korn, sondern er geht mit den  USA ins Gericht.. Mit glasklaren Worten. Denn in beiden Fällen sieht er das gleiche Prinzip: Amerika ignoriere die “unbequemen Wahr-heiten”, sowohl im Um-weltschutz wie in der Politik.
Bush habe über “eine Serie kata-strophal verfehlter Entscheidungen in Fragen von Krieg und Frieden, Weltklima und menschlichem Über-leben, Freiheit und Barbarität, Ge-rechtigkeit und Fairness” präsidiert. Fazit: “Wegen seiner Politik sind wir weniger sicher.” “Seine Rück-sichtslosigkeit riskiert die Sicherheit und den Schutz des amerikanischen Volkes”, schreibt Gore.
Die bisherigen Debattenbeiträge der Präsidentschaftsaspiranten beider Parteien wirken dagegen wie heiße Luft. Gore entlarvt sie als meist lee-res Geschwafel - und empfiehlt sich damit als „the real thing“. Er will aufrütteln.
Amerikas Demokratie sei in Gefahr - nicht von außen, sondern von innen.
Und zwar von eigennützigen Pluto-kraten, von selbstgerechten Theo-kraten, von strategischen Panikma-chern, von einem korrupten System, vom Zusammenbruch der Kommuni-kation, von Gleichgültigkeit, Igno-ranz, Ungebildetheit, Angst und den Medien als Handlangern dieser Show. “Etwas ist entsetzlich schief gelaufen.”
Diese Argumente sind kaum neu. Viele geistern seit Monaten in ir-gendeiner Form über den US-Buch-markt, parallel zum Imageverfall Bushs. Viele wurden schon von früheren Visionären vorgezeichnet, etwa in Neil Postmans Kulturkritik “Wir amüsieren uns zu Tode” von 1985. - Neu jedoch ist die Ballung all dieser Einzelthesen zu einem Manifest - ein Manifest über Amerika am Abgrund.
Ob Al Gore ins Weiße Haus einzie-hen wird? Fraglich. Aber seine The-sen sind interessant - zumal es Ent-wicklungen in Europa und Rußland gibt, die an den Kalten Krieg erinnern. Trotz oder wegen Bush?

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