Riruako ist entsetzt

Tuesday 1st of July 2008
Hans Feddersen
Vor einer Woche beriet der deutsche Bundestag das Massaker an den Herero 1904. Kurz vorher hatte Paramount Chief Riruako, 67, auf einer Versammlung gerufen: „Der Moment der Genugtuung ist nah. Die Deutschen werden ihre Schuld anerkennen müssen, das ist ein historischer Moment.“ Ob er die Debatte im Bundestag meinte, ist nicht klar. Dann allerdings kann man seine Enttäuschung verstehen: Der Bundestag lehnte die „Wiedergutmachungszahlung“ ab. Die Grünen enthielten sich der Stimme, Die Linke (welche den Antrag gestellt hatte) stimmte gegen die Ablehnung. CDU/CSU, SPD und FDP stimmten mehrheitlich ge-gen die „Zahlungen in Anerkennung und Wiedergut-machung der deutschen Kolonialverbrechen“. Kein Wunder, daß Riruako enttäuscht, nein sogar entsetzt ist. Während der Parlamentsdebatte über die geplante Verschiebung des Reiterdenkmals hatte er die Deut-schen als rücksichtslose Mörder bezeichnet. Und nun droht er bereits mit dem nächsten Schritt: Er fordert von der deutschen Regierung alle Farmen zurück, die in der Kolonialzeit den Angehörigen der Schutztruppe und anderen Deutschen gegeben worden seien. - Man hat irgendwie das Gefühl, daß seine Klage vor dem „Superior Court of the District of Columbia“ in Wa-shington (Aktenzeichen 4447-01), noch keine Lösung bietet. Da geht es um zwei Milliarden US-Dollar als Entschädigung wegen versuchten Völkermordes. Das deutsche „Generalstabswerk“ aus jener Zeit mit ihren  alttestamentarischen Zuständen zeichnet tatsächlich ein erschütterndes Bild vom Exodus der Herero in der vagen Hoffnung, das von den Briten kontrollierte Betschua-naland erreichen zu können. Ein letzter verzweifelter Weg in die Wüste nach einem niedergeschlagenen Auf-stand. Aber Genozid? Riruako weiß: Lieber nimmt die namibische Regierung gar kein Geld als Geld für die Hereros. Deshalb ist er nicht glücklich, wenn Deutsch-land Entwicklungshilfe zahlt, die allen Namibiern zugute kommt. Es macht ihn auch nicht glücklicher, daß Heidemarie Wieczorek-Zeul das Vater-Unser betete und um Vergebung für ihre Sünden bat. Als sie den Hereros 20 Millionen Euro als direkte Hilfe anbot, wurde sie von der Swapo-Regierung brüsk abgewiesen. Ansonsten gab es aus Berlin nur herzliche Worte für die Herero. Bundeskanzler Kohl soll sich sogar gewei-gert haben, den Herero überhaupt die Hand zu schütteln. Gut, 1904 gab es noch kein Völkerrecht. Und alle unmittelbar Beteiligten sind gestorben. Ansonsten streiten sich Historiker bis heute über den „Genozid“. Und ob die Herero, von denen die meisten Analphabeten waren, den Text des Vertrags verstanden, den Heinrich Göring im Oktober 1885 mit Maharero Katyamuaha abschloss? Der Vertrag hatte den Deutschen zahlreiche Rechte zugesichert, was von den Herero später nie verstanden wurde. So, wie man nicht gern über die 123 Deutschen spricht, die innerhalb weniger Tage im Januar 1904 massakriert wurden.

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