Geschichte des Sängerbundes

Friday 26th of September 2003
Graf zu Castell-Rüdenhausen

"Was uns eint im fernen Land,

Was uns hält, ein festes Band,

Heilig durch die Seele zieht,

Das ist unser Deutsches Lied!"

So steht es eingestickt in die Fahne des Windhoeker Männerchores und so zieht sich dieser Vers von Beginn an durch die Geschichte der Südwester Sänger, gleichsam als Motto oder als Gelöbnis, das seine Gültigkeit bis zum heutigen Tage (1965) behalten hat.

Die Pflege des gesungenen Liedes ist ältestes Kulturgut der Menschheit und nicht umsonst heißt es:

"Wo man singt, da laß Dich ruhig nieder,

Boese Menschen haben keine Lieder!"

Jene Bauernsöhne, die als Siedler und Soldaten einst nach hier kamen, haben sie mit herübergenommen, die Lieder der Heimat, die sie einst in jungen Jahren sangen, und sie klingen und leben lassen in der neuen Heimat, dem dunklen Erdteil.

Rauhe Soldatenkehlen mochten hier die ersten Lieder gesungen haben und am Lagerfeuer oder sonst bei geselligem Beisammensein sind sie zum südlichen Sternenhimmel emporgestiegen. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung, mit der Zunahme der Siedler, der Geschäftsleute und der Handwerker im Deutsch-Südwest der 80er Jahre, wuchs auch das Bedürfnis zu kultureller Betätigung.

So war es gar nicht anders zu erwarten, als daß sich schon bald Gemeinschaften sangesfreudiger Menschen zusammenfanden, die die Lieder der alten Heimat pflegten und in der Fremde am Leben erhielten.

Wie in den Frühanfängen auch daheim die Entstehung von Sangesgruppen auf die Turnerschaften und Schützengilden zurückging, so fand auch hierzulande der heutige Sängerbund sein Fundament in den 90er Jahren im Deutschen Turnverein, wo als Erstanfang eine Sängerriege gebildet wurde, die seit 1892 erwähnt wird.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich in Südwest verschiedene Ortschaften. Wo solche sich in Folge günstiger Wirtschaftslage zu bedeutenderer Größenordnung entwickeln konnten, kam es nach und nach zur Bildung von Sangesgruppen größeren Ausmaßes, jedenfalls mit Südwester Maßstab gemessen.

So wurde 1902 in Swakopmund der Swakopmunder Männergesangverein gegründet. Fünf Jahre später, 1907, folgte die Hauptstadt diesem Beispiel und der Männergesangverein Windhoek wurde ins Leben gerufen, um sich bis zum heutigen Tage als Windhoeker Männerchor zu erhalten.

Es folgten dann so nach und nach die Gründungen von Chören in anderen Ortschaften wie Karibib, Usakos und Grootfontein. Eines unserer schönsten Afrikalieder, das heute in keinem Wanderbuch fehlt, „Heia Safari" wurde von einem Südwester, von Hans Anton Aschenborn, gedichtet und von Götze komponiert.

Der Erste Weltkrieg brachte die Tätigkeit der diversen Chöre vorübergehend zum Stillstand. Doch kurz nach der Übergabe von Khorab, nachdem die aktive Schutztruppe interniert war und die Reservisten wieder auf ihre Arbeitsplätze zurückkehren durften, sammelten sich die alten Mitglieder wieder und die Chorarbeit wurde ab September 1915 wieder mit gewohnter Regelmäßigkeit aufgenommen.

Schon einige Jahre später mußte die Arbeit wiederum unterbrochen werden. Die Ausweisungen und Deportationen des Nachkriegsjahres 1918/19 riß Lücken in die Reihen der Mitglieder und die danach ausbrechende Grippe-Epidemie der 20er Jahre brachte jede Tätigkeit vollends zum Erlahmen.

Es dauerte einige Jahre, bis der alte schlummernde Sängergeist zum Wiederaufleben entfacht wurde.

Im Jahre 1926 hatte sich der Windhoeker Männerchor bereits soweit gefestigt, daß ihm die Ehrenmitgliedschaft des Gesangvereines „Germania", Pirna-Copitz, verliehen wurde. In der Urkunde heißt es, daß die Ehrenmitgliedschaft „in Anbetracht der hohen, idealen Begeisterung für das deutsche Lied und der überaus großen Verdienste in seiner Sonderstellung als Vorkämpfer und Pionier für unser Deutschtum in der ehemaligen reichsdeutschen Kolonialbesitzung Deutsch-Südwestafrika" verliehen wurde.

Als am 24. Juni 1927 der Windhoeker Männerchor sein 20. Stiftungsfest beging, kam es zu einer Zusammenfassung sämtlicher in Südwest bestehender Chöre im „Südwestafrikanischen Sängerbund". Gleichzeitig erhielt dieser seinen Anschluß an den Deutschen Sängerbund.

Schon im folgenden Jahr, am 26. Mai 1928, konnte eine Abordnung des Südwestafrikanischen Sängerbundes am 10. Deutschen Sängerbundfest in Wien teilnehmen.

Zu Ostern 1930 erlebte der Südwest-afrikanische Sängerbund einen der Höhepunkte in der Geschichte der Südwester Sangesbrüder. Das erste Bundessängerfest fand seinen erfolgreichen Verlauf in unserer Landeshauptstadt Windhoek, die damals selber ihren 50. Geburtstag feierte.

Es folgten in dem ewigen Auf und Ab unseres Dornenlandes einige Jahre schwerster Depression, die sich hemmend auf jede Chortätigkeit auswirkten. Doch ungebrochen erhob sich der a;te Chorgeist nach Überwindung der schweren Zeit - wiederum ans Licht, und die Mitte der 30er Jahre sah die dem Bund angeschlossenen Chöre zwischen Lobito und Kapstadt auf 13 lokale Körperschaften anwachsen.

Der Zweite Weltkrieg riß die Chöre jäh auseinander. Der größte Teil der männlichen Bevölkerung wurde in der Südafrikanischen Union interniert. Das konnte den Chorgeist jedoch nicht brechen. Im Gegenteil: gerade hinter dem Stacheldraht des Internierungslagers kam das Chorwesen zu besonders starkem Aufblühen. Eine intensive Sangestätigkeit setzte ein, und manchem half das gesungene Wort über Trennungsschmerz, Einsamkeit und Gefangensein hinweg.

Nach Kriegsende dauerte es dann noch eine ganze Weile, bis die Sangesfreunde sich wieder zusammenfinden konnten. Nur nach und nach durften sie in die Heimat zurückkehren und erst am 10. September 1951 konnte sich der Windhoeker Männergesangverein als Männerchor Windhoek neu formieren.

Im Jahre 1956 erlebte der Südwester Sängerbund einen neuen Höhepunkt. 58 Mitglieder des Männerchores flogen zum 14. Deutschen Sänger-Bundesfest nach Stuttgart. Mit nicht enden wollendem Beifall und mit großer Begeisterung wurden die Südwester Sänger überall, wo sie in ihren weißen Tropenanzügen und dem Tropenhelm auf dem Kopf in Erscheinung traten, aufgenommen und Herr Walter Heinrich bemerkt dazu:

„... der Jubel der Hunderttausende beiderseits der Festzugsstraße kannte bei unserem Erscheinen keine Grenzen."

Bei dem 50. Stiftungsfest des Wind-hoeker Männerchores 1957 kam es zu einer Neuordnung der Bundesorgani-sation.

Das Jahr 1960 brachte dem Südwester Sängerbund ein heiteres Ereignis, von dem die Teilnehmer noch lange zehren werden.

Der Umbau der Südwester Bahnstrecken an seiner letzten Teilstrecke von Otjiwarongo nach Outjo von Schmalspur auf Normalspur war beendet worden. Mit etwas Wehmut und viel Humor nahmen die Bewohner des Nordens Abschied von ihrer Kleinbahn. Der Männerchor Otjiwarongo hatte für diese letzte Fahrt mit der Kleinbahn den ganzen Zug gemietet. Die Coupees waren mit Girlanden, bunten Fähnchen und Lampions geschmückt. Von Wagen zu Wagen waren Lautsprecher angebracht, die die lustigen Weisen einer kleinen Schrammelkapelle übertrugen und so für Stimmung sorgten. Der Kühlwagen war vorsorglich mit Getränken vollgepackt worden. Die Chormitglieder und deren Gäste erschienen in historischen Kostümen und so gestaltete sich diese Abschiedsreise zu einem richtigen Volksfest, das seinen Höhepunkt erhielt, als auf halber Bahnstrecke eine Horde von wilden Banditen den Zug zum Stillstand brachte und ein Lösegeld forderte. Friedlich vereint fuhren dann Räuber und Beraubte weiter.

Die letzte Fahrt von Otjiwarongo nach Outjo wurde so zu einem lustig-vergnügten Abschiedsfest.

Nun steht die letzte Kleinbahnlokomotive als Geschenk des südafrikanischen Verkehrsministers B. Schoeman auf einem Sockel vor dem Otjiwarongoer Bahnhof, als Erinnerung an die gute alte Zeit. An der Lokomotive sind zwei von den Hentschelwer-ken gestiftete Bronzeplatten angebracht.

Auf der ersten steht zu lesen:

„1912 bis 1960 diente ich dem Aufbau des Landes. Diesen letzten Ruheplatz verdanke ich dem Männerchor Otjiwarongo"

Auf der zweiten steht:

„1912 - 1960.

Wir haben Dich gebaut. Du dientest treu und zuverlässig Deinem Lande. Dafür danken Dir die Hentschel-werke."

Das Jahr 1962 hatte wieder eine Auslandsreise unserer sänger vorgesehen.

Anläßlich der Hundertjahrfeier des Deutschen Sängerbundes flogen 68 Mitglieder des Südwester Sängerbundes in die Bundesrepublik nach Essen. Auch hier wurde unseren Südwestern ein einmaliger Empfang zuteil. Ihr Erscheinen löste allgemeine Begeisterung bei allen Festteilnehmern aus.

In diesem Jahr 1965, dem 75. Geburtsjahr unserer Landeshauptstadt Windhoek, fanden sich die Südwester Chöre am 31. Juli im Sportklub zusammen, um hier dem Geburtstagskind das ihm gebührende Ständchen zu bringen. Eine bunte Vortragsfolge erklang vor den Ohren des Festpublikums getragen von den Südwester Chören. Es traten auf:

Die Liedertafel Walvisbay,

der gemischte Chor Swakopmund

der Männerchor Tsumeb

der Swakopmunder Männergesangverein

der Windhoeker Frauenchor

der gemischte Windhoeker Männer- und Frauenchor

der Windhoeker Männerchor

Über allem Schaffen der Chöre des Südwestafrikanischen Sängerbundes aber steht der Leitspruch:

„Deutschem Liede, deutscher Art

stets Südwest die Treue wahrt!"

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