Mein Traumfisch

Monday 17th of March 2003
Gerhard Link

Es ist warm, aber nicht mehr so heiß wie in den letzten Tagen. Seit zwei Tagen bläst der Südwind – und wie er bläst. Das Meer ist ziemlich aufgewühlt. Aber egal – jetzt endlich müssten die Fische wieder beißen. Und so rufe ich Jacques an und frage ihn, ob er Lust hat, mit mir zum Angeln zu gehen. Ja, er hat - also verabreden wir uns für den nächsten Morgen. Um 7.00 Uhr hole ich ihn ab und dann geht es los. Meile 8 ist unser erstes Ziel. Das Wasser sieht gut aus. Das Meer ist nicht mehr so unruhig wie gestern noch, obwohl die Brandungswellen noch immer sehr hoch sind. Aber das Wasser ist nicht mehr so kabbelig. Wir packen unsere Angeln aus. Der erste Einwurf – nach 5 Minuten hängt die ganze Angelleine voller Grün. Und so geht das über eine Stunde lang. „Nein,“ sagt Jacques zu mir, „so macht mir das keinen Spaß. Noch zwei, drei Versuche – dann hören wir auf und fahren zur Meile 17.“ Und so machen wir es auch. Es ist kaum 9.00 Uhr, als wir unsere Angeln zusammenpacken und weiter geht es zu Meile 17. Aber auch dort ist viel zu viel Grünzeug im Wasser und nach einer weiteren Stunde habe ich keine Lust mehr. „Das bringt doch alles nichts. Lass uns aufhören.“ Jacques zuckt mit den Schultern. Ihm ist es egal. Während wir unsere Ruten erneut zusammenpacken, frage ich ihn: “Was hältst du davon, wenn wir mit  dem Boot rausfahren? Vielleicht haben wir so wenigstens eine Chance“, frage ich Jacques. Und so kommt es, dass wir um 12.00 Uhr an der Mole in Swakopmund die Avocet II zu Wasser lassen und dann fahren wir – Jacques, Marten, Gerard und ich -  Richtung Süden. Schon kurz hinter der Swakopmündung werfen wir den Anker. Ruten ausgepackt, Köder angemacht – jetzt muss es aber los gehen. Die Zeit vergeht, unbarmherzig scheint uns die Sonne aufs Haupt. Bisse? – Fehlanzeige! Jetzt ist es schon 13.00 Uhr. Es ist wie in den meisten Swqakopmunder Geschäften – Mittagszeit. Bei den Fischen gilt das anscheinend auch, denn nach wie vor bekommen wir nicht einen einzigen Biss. Noch nicht einmal die Catfische lassen sich von unserem Köder verführen. Wir wechseln den Platz. Ein Unterwasserriff – hier muss es aber klappen. Auf dem Fischfinder erkennen wir, dass die Fische da sind. Aber beißen – doch nicht jetzt. Immerhin ist noch immer Mittagszeit. Ich esse ein Brötchen – auch das hilft nicht.

 

Das Schiff schaukelt in den Wellen so vor sich hin. Es ist eintönig trotz der wunderbaren Kulisse. Hier die Dünen, dort der Blick auf Swakopmund. Wenn jetzt noch ein Fisch beißen würde, wäre das schon fast ein perfektes Glück. Aber denkste! Doch nicht heute! Ich schaue auf die Uhr. Es ist 14.52 Uhr. „Noch 8 Minuten,“ sage ich „wenn wir bis dahin keinen Biss haben, dann fahren wir zurück.“ Und weiter dümpelt das Boot so vor sich hin. 14.55 Uhr! Noch 5 Minuten. Jacques packt schon die erste Angel ein. Da – ein Geräusch!  Meine Rute biegt sich und unter dem kreischenden Geräusch der Bremse zieht irgendein unbekannter Fisch Meter um Meter Schnur von der Rolle. Ich schlage an. Ein Riesenwiderstand und dann eine lange, lange Flucht. Ein Bronzi hat den Köder genommen. Wild jubelt mein Herz, endlich, endlich! Und noch immer zieht der Hai mächtig viel Schnur von der Leine. Wie immer, wenn ich auf Hai gehe, habe ich Angst, dass die Schnur nicht reichen könnte. Aber dann verharrt er endlich und ich kann mit dem Einholen beginnen. Meter um Meter pumpe ich den Fisch jetzt in Richtung Boot zurück. Das ist kein Kleiner. So wie der sich wehrt!

 

10 Minuten sind vergangen. Das Einholen der Schnur fällt mir momentan nicht mehr so schwer. Ganz offensichtlich schwimmt der Hai in meine Richtung. Ich kurbele, was das Zeug hält. Jetzt ist er nur noch 10/15 Meter vom Boot entfernt. Da macht er einen Schlag und zieht wieder von dannen. Mit einer solchen Kraft, das ich ihn nicht halten kann. Und dann passiert es – er zieht nach links, die Angelschnur verheddert sich in der Ankerleine, ein Ruck – der Fisch ist frei. Ich schimpfe, was das Zeug hält. Dass ich da nicht darauf geachtet habe. Mit etwas mehr Sorgfalt hätte ich ihn andersherum führen können. Hätte! Wenn! Aber! Nein, so geht das nicht. Mein Ehrgeiz ist angestachelt. Ich nehme meine leichte Rute, mache einen Fischfetzen dran und werfe ein. Vielleicht beißt ja doch noch etwas anderes. „Jetzt beißt der große Kabeljau,“ sage ich. „Passt auf, jetzt ist Beißzeit.“ Ich habe diesen Satz noch nicht ausgesprochen, da verspüre ich einen Biss. Anschlag, sitzt. Und dann beginnt ein wunderschöner Kampf. „So wie der kämpft, kann das nur ein Kabeljau sein“, rufe ich. Jacques, der gerade dabei ist, die Haifischrute wieder neu zu montieren, antwortet: „Glaube ich nicht. Sonst wären längst die Bronzies hier und würden sich den Fisch holen. Das ist bestimmt ein kleiner Hai.“ Ist mir im Moment auch egal, Hauptsache es ist Bewegung an der Angel. Aber dran glauben kann ich nicht, denn so kämpft kein Hai. Und dann – nach 10 Minuten sehen wir ihn zum ersten Mal. Ein Prachtkerl von Kabeljau! Sofort legt Jacques seine Rute zur Seite, nimmt das Gaff und dann holen wir einen wunderschönen 15 Kilo schweren Kabeljau ins Boot. Ich beködere meinen Haken erneut mit einem Fischfetzen und werfe wieder ein. Genau dorthin, wo ich eben den Biss hatte. Wo einer ist, sind auch mehrere, ist mein Devise und ich habe Recht. Es dauert keine Minute, da verspüre ich schon wieder einen Biss und nach 15 Minuten ist der zweite Kabeljau an Bord. Wieder so ein Koloss. Das heißt, ich muss aufhören, mein Limit ist erreicht. Ich nehme wieder die Haifischrute und beködere sie mit einem großen Stück von einer Makrele. Währenddessen ist an Bord der Teufel los. Fast gleichzeitig haben Jacques, Gerard und Marten je einen Biss. Und dann geschieht, was Jacques vorhin angekündigt hat. Gerade als er seinen Kabeljau ins Boot holen will, taucht da ein großer Haikopf aus der Tiefe auf, es macht schnapp und der Hai verschwindet mit dem Kabeljau wieder dorthin, wo er hergekommen ist, in die Tiefe. Und dann dauert es fast 15 Minuten, bis Jacques endlich weiter angeln kann, denn so lange kämpft Jacques noch mit dem Hai. Dann hat der es endlich geschafft. Er beißt dem Kabeljau den Körper ab und Jacques zieht seine Schnur mit Kabeljaukopf ins Boot.

 

Inzwischen habe ich meine Angel wieder im Wasser. Es dauert nicht lange, da gibt es einen kräftigen Ruck – ein Hai hat den Köder genommen. Und dann beginnt der Kampf meines Lebens. Eine unendlich lange erste Flucht. Ich kann den Fisch nicht bremsen. Dann endlich stoppt er. Aber er schwimmt jetzt nicht etwa zurück – nein, er lässt sich von mir Meter um Meter in Richtung Boot ziehen. 20 Minuten sind vorbei. Da sehe ich ihn zum ersten Mal in vielleicht 100 Meter Entfernung. Scheint ein richtig Großer zu sein. Aber sicher, nein sicher bin ich mir nicht. Ich kurbele weiter. Es ist heiß. Der Schweiß läuft mir von der Stirn. Jetzt sind es noch 50 Meter – 40 Meter – 30 Meter. Dann kommt auf einmal wieder Bewegung auf. Der Hai hat sich genug ausgeruht und startet seine zweite Flucht. Alle meine Bemühungen waren vergeblich – er ist wieder genau so weit weg wie beim ersten Mal. Wieder beginne ich mit dem Einholen. Meter um Meter. Stück für Stück.

 

Und während ich hier arbeite und mich quäle, da beißen die großen Kabeljaue wie verrückt. 3 Stück haben Gerard, Jacques und Marten schon gefangen, einer schöner als der andere. Alle fast die gleiche Größe. Und mindestens zwei Fische hat jeder von ihnen schon verloren. Ein weiterer Hai hatte sich Martens Fang geschnappt und ich weiß nicht, was sonst noch passiert ist. Denn ich kämpfe immer noch mit meinem Hai. Meine Arme beginnen zu schmerzen. Hoffentlich halte ich das durch. Denn eines ist mir klar. Das ist er, der Fisch meines Lebens. Auch wenn ich ihn noch nicht gesehen habe. Aber einen größeren habe ich bestimmt noch nie gefangen. Jetzt sind 90 Minuten vorbei. Gerade setzt er zur fünften oder sechsten Flucht an. Aber dieses Mal zeigt er erste Ermüdungserscheinungen. Nur noch 100 Meter. Aber das sind vielleicht harte 100 Meter. Jeden Zentimeter muss ich ihm abringen. Aber – er nähert sich unserem Boot. Und immer wieder versucht er noch einmal auszubrechen. Will nach links, nach rechts oder noch eine Flucht Richtung Strand machen. Mit dem Mute der Verzweiflung halte ich dagegen. Und dann – zwei Stunden sind vorbei – liegt er längsseits des Bootes. Ein Riesenkerl ist das. Gerard und Jacques schätzen ihn auf 140, wenn nicht sogar 150 Kilo. Mein Traumfisch. Was sollen wir jetzt damit machen? Leider hat natürlich keiner einen Fotoapparat mit. Jacques schlägt vor, ihn mitzunehmen und als Trophäe präparieren zu lassen. Nein, sage ich, nicht so ein Riesending. Dafür habe ich keinen Platz in der Wohnung. Also wird er abgeschnitten und langsam, ganz langsam schwimmt er davon. Noch einige Minuten lang können wir ihn beobachten, denn er muss sich erst einmal erholen, bevor er wieder in die Tiefe taucht.

 

Auch ich bin ziemlich fertig. Und da es inzwischen schon fast 18.00 Uhr ist und alle anderen ebenfalls ihr Limit an großen Kabeljau erreicht haben, beschließen wir zurückzufahren. Stolz sind wir, denn wir haben rund 120 Kilo Kabeljau an Bord – 8 Fische, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Alle sind so um die 15 Kilo schwer. Prachtkerle. Nachdem wir wieder an der Mole sind, rufe ich Gerlinde – meine Frau – an, sie soll mit einem Fotoapparat an den Fischreinigungsplatz kommen. Wenigstens die Kabeljaue wollen wir auf dem Bild haben.

 

Sie kommt auch wenige Minuten später an. Die Bilder sind schnell gemacht und dann fahre ich total verschwitzt und müde, aber glücklich und stolz wie ein Spanier nach Hause. Ob ich so einen Angeltag noch jemals erleben werde?            

 

Anm. der Red.: Gerhard Link ist Autor des Buches: "Gerlinde, wo ist meine Angelrute?"

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